"Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets"

Hiobsbotschaft kurz vor Weihnachten: Ab 2016 rollt in Bochum kein Opel mehr vom Band. Ein Schock ist die Mitteilung des Opel-Chefs nicht - diese Möglichkeit stand schon länger im Raum - aber viele Beschäftigte fühlen sich verschaukelt. "Ein Schlag ins Gesichts des Ruhrgebiets", nennt es einer. Der Betriebsrat will das Aus nicht hinnehmen und um jeden Job kämpfen.

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Für die Plakate an der Eingangstür zum Bochumer Ruhrcongress haben die meisten Opelaner am Montagmorgen keinen Blick übrig. Wohlproportionierte Menschen werben darauf für die Internationale Deutsche Meisterschaft in Bodybuilding und Fitness. Mit den Muskeln gespielt hat in der Vergangenheit auch immer wieder die Belegschaft des Bochumer Opel-Werks, wenn es um die drohende Schließung ging. Doch nun - zum 50. Geburtstag des Werks mit seinen mehr als 3.000 Beschäftigten - droht die Abwicklung. Die Autoproduktion soll Ende 2016 eingestellt werden, nur noch ein Warenverteilzentrum bestehen bleiben. Möglicherweise wird eine Komponentenfertigung eingerichtet. Wie viele Jobs genau wegfallen, ist noch unklar.
Etliche der rund 2.300 anwesenden Opelaner gehen nach der Betriebsversammlung ohne Kommentar an den wartenden Medienvertreter vorbei. Einige geben sich kämpferisch, andere sind einfach nur sauer und fühlen sich verschaukelt. "Das ist ein Schlag ins Gesicht des Ruhrgebiets", sagte Rolf Plumhoff-Klein. Sarkastisch fügt er hinzu: "Zu Weihnachten ist das noch ein schönes Geschenk."
Tumulte in der Betriebsversammlung
Ein Geschenk, das sich die Mitarbeiter bei Betriebsversammlung offenbar nicht so ohne weiteres überreichen lassen wollen. Als Opel-Chef Thomas Sedran und seine beiden Vorstandskollegen die Versammlung wohl etwas überstürzt verlassen wollen, will ein Vertrauenskörperleiter sich den Managern in den Weg stellen. Dabei wird er nach Aussage mehrerer Teilnehmer von Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes zu Boden geworfen. Die ohnehin angespannte Stimmung wird durch den Vorfall weiter vergiftet.
Opel in Bochum - eine Chronologie 
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  • 1962: Das Werk entsteht nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Dammbaum. Das erste Auto, das vom Band rollt, ist ein Kadett A. Das Werk ist für 10.000 Beschäftigte konzipiert, viele der damaligen Arbeiter kommen aus dem Bergbau.

Nach der Veranstaltung hat die Belegschaft Gelegenheit, ihren Frust und ihre Wut an "einem offenen Mikrofon" zu artikulieren. Von einer "dreifachen Kriegserklärung" des Unternehmens an die Opelaner spricht der schon an den Arbeitsniederlegungen von 2004 beteiligte Paul Fröhlich. "Wir werden so nicht mit uns umgehen lassen", ruft der IG-Metall-Vertrauensmann seinen Kollegen zu. Längst nicht jeder Teilnehmer bleibt jedoch stehen, um sich die kämpferischen Worte anzuhören. Einen "Tod auf Raten" werde es mit der Bochumer Belegschaft nicht geben, sagt Fröhlich, der ansonsten am Band arbeitet.
Keine Lust auf KeksautosUnterstützt wird Fröhlich an diesem Tag auch von seiner Ehefrau Anne. Sie verkauft gemeinsam mit anderen Frauen Kekse in Autoform. Am Sonntag hatte sie auf dem Weihnachtsmarkt in Bochum-Langendreer bereits etwa 50 Kekspackungen veräußert, am Montag sind es noch einmal zehn Packungen. Der Verkaufserlös - ein Euro pro Packung oder eine freiwillige Spende - soll den Opelanern zugutekommen.

Ans Keksessen wollen die meisten Opelaner an diesem Tag aber nicht denken, viele müssen die Ankündigung des Vorstands erst einmal verarbeiten. Betriebsrätin Annegret Gärtner-Leymann warnt vor Zugeständnissen ans Opel-Management: "Wir kennen die Sache ja schon von der Schließung des Nokia-Werks. So lassen wir uns nicht verarschen." Sie plädiert dafür, die Produktion im Opel-Werk einzustellen so wie 2004, als wilde Streiks das Werk eine Woche lahmlegten - mit gravierenden Folgen für die übrigen Werke der Opel-Mutter General Motors.Einenkel: "Auch nach 2016 werden hier Opel gebaut"
Betriebsratschef Rainer Einenkel ist für kämpferische Sprüche bekannt. An diesem Tag spart er nicht mit Kritik am Verhalten des Managements, lässt aber die ultimative Drohung - sprich die Stilllegung der Produktion - noch offen. Man werde "klug reagieren" und "Schritt für Schritt" die weiteren Maßnahmen erörtern, sagt Einenkel. In der Diskussion über eine Zukunft für das Bochumer Opel-Werk sei "ein langer Atem" gefragt.
Facebook-Kommentare 
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  • Frollein J.: Schon wieder einer der dichtmacht. Für die Region sowieso schon schwierig genug :-( Frag mich wo das alles noch hinführen soll. Ab Mitte 40 wirds schon schwer was zu finden und raus aus seinem Kiez zu müssen ist ewiges HEIMWEH!!:-(


Sicher sei jedoch, dass am kommenden Samstag ein Tag der offenen Tür im Bochumer Opel-Werk stattfindet. Dort könnten die Besucher sehen, wie in dem Werk Autos produziert werden. Die Vorführung könnte als Symbol dafür stehen, dass die Opelaner sich von der Fahrzeugproduktion nicht verabschieden wollen. "Wir werden auch nach 2016 in Bochum Autos bauen", sagt Einenkel. Von der Statur her ist Einenkel zwar kein Mann fürs Bodybuilding, das rhetorische Muskelspiel versteht aber durchaus.Kritik an KonzernmutterIn der Politik wurde der Umgang mit den Arbeitnehmern gerügt: "Für die Beschäftigten wäre es besser gewesen, wenn ihnen von vornherein klarer Wein eingeschenkt worden wäre", kritisierte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider die Entscheidung. Für das Land sei das ein "herber Schlag", so der SPD-Politiker. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle rügte die Opel-Mutter in Detroit: "Bisher hat General Motors ein Beispiel dafür geliefert, wie internationale Konzerne mit Mitarbeitern in Deutschland nicht umgehen sollten." Seit vielen Jahren liefere das Management von GM eine
Hängepartie, schaffe keine Klarheit und habe Opel in Deutschland ein Stück weit diskriminiert.Die Bundesregierung indes sieht keinen Anlass, sich einzuschalten: "In erster Linie sind jetzt aber auch Opel und GM gefordert, ihren Kolleginnen und Kollegen Perspektiven aufzuzeigen", sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter. Auch das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Bochum müssten ausloten, welche Möglichkeiten es für die Beschäftigten gebe. "Die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung bedauern diese
Entscheidung, das Werk zu schließen, ganz außerordentlich.""Opel hat sich nur nicht getraut"Diez' Kollege Ferdinand Dudenhöffer wirft GM schwere strategische Fehler vor: Statt Bochum Ende 2016 zu schließen, hätte Detroit das englische Opel-Werk in Ellesmere Port kurzfristig dichtmachen sollen, so der Autoexperte von der Uni Duisburg-Essen. Auch sei es ein Fehler von GM gewesen, die bevorstehende Schließung von Bochum so lange zu verheimlichen. "Das war schon über ein halbes Jahr bekannt, Opel hat sich nur nicht getraut, es zu sagen." Die Pläne, Bochum als Teilewerk für den Opel-Konzern mit deutlich reduzierter Belegschaft weiterzuführen, hält Dudenhöffer für unrealistisch.Die Opel-Mutter General Motors hatte bereits im Juni angekündigt, Bochum bis zum Auslaufen des Familienwagens Zafira im Jahr 2016 eine Galgenfrist von vier Jahren zu geben. Im Gegenzug sollten bis dahin für alle Standorte der hohe Verluste schreibenden Tochter in Deutschland betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Seitdem laufen mit dem Betriebsrat Verhandlungen über die Auslastung der Standorte in Rüsselsheim, Bochum, Eisenach und Kaiserslautern.Absatzkrise - nicht nur bei OpelDer Traditionsautobauer leidet wie andere Massenhersteller massiv unter der Absatzkrise in Südeuropa und kann seine Werke kaum auslasten. Deshalb hatte Opel ab Anfang September mehr als 10.000 Beschäftigte tageweise in Zwangspause geschickt. Die Anmeldung galt zunächst bis Jahresende. Nun kündigte Opel an, die Bänder im Stammwerk Rüsselsheim auch im Januar an drei Tagen anzuhalten. In Bochum sei im Januar an zehn Tagen Kurzarbeit geplant.
 

 


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